Guided Tour
Etappe 3: Moderne Vielfalt
Die Vergangenheit war geprägt von statischen Webseiten. Sie wurden in Editoren verschiedener Herkunft häufig mit Copy-Paste-Templates erzeugt. Der eine oder andere setzte vielleicht eine Scriptsprache ein, um dies zu automatisieren. Der Begriff CGI gehörte aber in die höhere Klasse. Dies hat sich heute gründlich geändert. Nicht nur ist der Webspace gewachsen, Scriptsprachen wie PHP, Perl und Python stehen schnell standardmässig zur Verfügung. Dies erlaubt es Homepage-Betreibern, entweder fertig entwickelte Software auf dem Server zu betreiben, oder selbst eine solche zu entwickeln.
Der Preis der Geschichte war natürlich eine Zunahme der Komplexität. Anstatt der Copy-Pasterei gibt es nun die Dokumentation als Pflichtlektüre. Sprachen müssen gelernt sein, ob es sich um HTML, CSS, Javascript oder um serverseitige Sprachen wie PHP, Perl, Java, ASP oder Ruby handelt. Mit der Komplexität ist der Abstand gewachsen zwischen Neueinsteigern und erfahrenen Webautoren, die sich immer weniger als Autoren im herkömmlichen Sinne verstehen, sondern als Webtechniker. In Web-Publishing Agenturen herrscht zunehmend Arbeitsteilung. Da ist keiner mehr, der die ganze Bandbreite der gewünschten Techniken versteht. Und da ist er, der Einzelkämpfer...
Mit einem billigen Editor macht man heute keine Firmenpräsenz mehr. Viele versuchen sich in ihren Dreamweavern und wie die Albtraumkünstler alle heissen. Eine der häufigsten Fragen eines solchen Self-Autoren ist dann: Wie bewirke ich, dass bei Klick der Inhalt dieser Seite in dieser Tabellenzelle erscheint?
. Das Web ist dermassen dynamisch geworden, dass der Simpel gar nicht mehr weiss, dass ohne Server-Software seine Wünsche nur sehr destruktiv (nämlich mit Frames1) zu erfüllen sind. An diesem Punkt kommt das tiefe Durchatmen. Komplexität ist heute Pflicht. Lernen oder sterben...
Visitenkarten oder Sozialismus
Was andere sich leisten, das muss man sich nun auch aneignen können, sobald eine Webpräsenz nicht mehr nur eine Sache privater Selbstäusserung sein soll. Die Komplexität des Webs hat es mit sich gebracht, dass Kunden entweder nach fertigen Produkten fragen oder einen Web-Gestalter beauftragen, ein solches Produkt für ihn zu konfigurieren2 oder eine Seite from scratch zu erstellen. In der Tat lebt das heutige Web auch von vielen Dienstleistungen. Anstatt eine eigene zentrale Homepage zu verwalten, gibt es immer mehr Communities in freien Portalen, wo man Aspekte seines Community-Lebens darstellt: Man eröffnet einen freien Blog bei einem Blog-Anbieter, man lädt seine Videos auf die
bekannte Marke hoch, twittert dazwischen etwas durch die Landschaft und sendet seine Bookmarks ganz öffentlich an einen sichtbaren Punkt im Web. Das ist eine Folge der Komplexität einerseits und dem Wunsch nach Sofortkonsum anderseits. Für den Selbstausdruck gibt es genügend Boards, Foren, Chatrooms und Zwitscherräume. Im Grunde ist das Angebot so gross, dass die persönliche Homepage immer unwichtiger wird, es sei denn, der Betreiber verfolgt damit eine besondere und nicht zuletzt auch kommerzielle Absicht. Das Schlagwort Social verbreitet sich immer mehr. Die Zerfledderung in verschiedenen Communities schreit nach Mechanismen, welche einen Verbund wieder herstellen. Was dem Outdoor-Angestellten sein Mobile, das ist dem Web-Vagabunden sein Tell A Friend, Social Bookmark etc...
Doch es ist ein Unterschied, ob man am Web partizipiert oder selbst eine Domäne repräsentiert. Inhalte auf X Portalen letztlich nicht kontrollierten Mechanismen anzuvertrauen hat wenig mit Inhaltspflege und Message zu tun. Sobald es um Copyrights geht, braucht es den eigenen zu verantwortenden Raum, auf welchem dieses dargelegt werden kann. Die Homepage ist zwar durch die Vielfalt der Communities bedroht, aber in ihrer Essenz nicht überflüssig geworden.
Auf der Suche nach dem schöner Wohnen
Es ist bereits eine Konstante geworden: Die eigene Firmen-Page gehört zur Visitenkarte wie der Hochglanzprospekt. Die Mobilität hat zugenommen, und die Konkurrenz ist meist nicht mehr auf die gleiche Region oder das gleiche Land beschränkt. Wer sucht, der nimmt immer häufiger eine Web-Suchmaschine denn die gelben Bücher.
Die Visitenkarte, früher eine Ansammlung statischer Seiten, beansprucht aber heute andere Techniken. Man will nicht mehr readonly sein. Ein Formmailer muss her, ja warum nicht gleich ein Bestellformular etc... Die Grenzen zum Webshop sind fliessend, gefährlich fliessend. Die Technologie wird benötigt, nicht weil im Internet so viel Geld liegt, sondern weil Geld so eine Mangelware zu sein scheint, dass man jede noch so geringe Möglichkeit zur Wertausschöpfung nutzt. SEO heisst das Zauberwort, oder Suchmaschinen-Mogelei: Eine Art Webbewerb, bei welcher man im überfüllten Saal sich einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern sucht. Wie schafft man das? Grosse Firmen erstellen alternative Seiten und testen die Performance. Welches Design lockt mehr, was verleitet erfolgreicher? Es ist eine ganz besondere Art der Usability im Gange. Und das Unscheinbare ist nicht ohne Effekt. Jedes Wort zahlt sich aus, das gut gewählt ist. Dabei muss man weniger an den unmittelbaren Leser denken, als an den blöden Automaten, der Ihre Präsenz dann in die ersten Ränge führt. Irgendwie klingt das sehr absurd. So viele Tücken: Technik, Effizience, Kundenwerbung und -Manipulation. Und vor allem auch: Ein gehöriges Mass Manipulation des Auftraggebers durch die Designer und Verkaufsstrategen.
Nein... Ich spreche nicht aus Erfahrung. Aber ich habe genug oft Studien gelesen, die das behaupten. Und ich bin bereit, diesen zu glauben. Auch wenn mich solches persönlich nicht interessiert. Google selbst ist sehr freigiebig, die Methoden seiner bösen Kinder zu schildern.
Das Web ist ein Platz zum Geld stehlen. Die Portale, die heute bei vielen Keywords die ersten Plätze belegen, haben diesen Platz meist nur durch eine lange Geschichte oder gekaufte Links oder beides erreicht. Auf der Gegenseite stehen dann Millionen von Seiten, die nichts anderes als Oberflächliches mit Links anbieten, natürlich für Geld. Ich möchte es Ihnen an dieser Stelle nicht ausdrücklich verbieten, einen Bookmark in ihrem Browser oder einen Link auf ihrem kritischen Blog zu meiner Domain hinzuzufügen. Aber erwarten Sie bitte kein Geld von mir. Wenn ich Geld hätte, würde ich Webseiten erstellen lassen und mich in der Rolle eines philanthropischen Glossenreissers begnügen.
Lesen Sie weiter in der ERROR: Page does not exist!.
Fussnoten
1 Die Nachteile von Frames sind viele:
Zuvorderst werden Dateninseln erzeugt, die sich gegenseitig nicht kennen können, es sei denn, das Frameset wird geladen. Diese Situation ist für Besucher aus Suchmaschinen nicht gegeben. Framesets erschweren die Verlinkung und Referenzierung. Sie bilden auch eine kleinere Hürde bezüglich Zugang.
2 Der Anteil an Installationen von fertigen CMS als Teil eines Webdesign-Auftrags hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Darin ist auch die Tendenz spürbar, dass Designer es einfacher finden, ein CMS zu konfigurieren, als etwa verschiedene Scripte zu einer Homepage zu integrieren.
